Zero Waste Philosophie

Heute leben wir in einer Linear- oder Wegwerfwirtschaft. Produkte werden gefertigt, genutzt und dann weggeworfen. Der Prozess beschleunigt sich sogar: Die Lebensdauer von Produkten wird immer kürzer. Und je mehr gefertigt wird, desto mehr Müll entsteht. Der Ressourcenverbrauch der Menschheit steigt exponenziell an – alle 20 Jahre verdoppelt er sich.

Aber muss das so sein? Kann unsere Wirtschaftsordnung nicht auch ohne Müll funktionieren? Zero Waste heißt die Philosophie, die davon ausgeht, dass ein Leben ohne Müll möglich ist. Dazu muss aus der Linearwirtschaft eine Kreislaufwirtschaft werden. Produkte werden nach ihrer Benutzung nicht entsorgt, sondern wieder benutzt oder in Komponenten oder Rohstoffen von neuem als Wertstoff in den Kreislauf zurückgeführt – „cradle to cradle“, von der Wiege bis zur Wiege.

Wie realistisch ist Zero Waste?

Dass die Klimakrise unsere Lebensgrundlagen bedroht, ist im Bewusstsein der Gesellschaft angekommen. Dass der exzessive Ressourcenverbrauch ebenso bedrohlich ist, gewinnt gerade erst die breite Aufmerksamkeit. Zero Waste wird zunehmend zu einem Megathema in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
 
Wie die Klimakrise braucht Zero Waste ein massives Umdenken und verlangt unserem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem einiges ab. Aber die Klimakrise zeigt, dass es für derart große Herausforderungen Lösungen gibt. Und sie zeigt auch am Beispiel fossiler Brennstoffe, dass es möglich ist, wirtschaftliche Entwicklung vom Ressourcenverbrauch abzukoppeln. Auch die Kapitalmärkte haben das bereits erkannt – Kreislaufwirtschaft ist bereits heute ein starkes Wachstumsfeld.
 
Allerdings ist Zero Waste außerordentlich komplex. Während es bei der Klimakrise darum geht, einen Stoffstrom durch nachhaltige Alternativen zu ersetzen, betrifft Zero Waste eine unglaubliche Vielzahl unterschiedlicher Materialien, Produkte und Prozesse. Für viele müssen individuelle Lösungen gefunden werden.
 
Entscheidend ist, nicht dem Missverständnis zu unterliegen, dass Zero Waste ein Thema ist, das nur das Ende der Wertschöpfungskette betrifft. Zero Waste wird nicht erreicht, indem die Abfallwirtschaft immer bessere Sortier-
und Recyclinganlagen entwickelt. Für Zero Waste muss vor allem der Anfang der Wertschöpfungskette in den Blick genommen werden. Wenn Produkte und Prozesse nicht in Richtung Müllvermeidung neu gedacht werden, ist Zero Waste nicht erreichbar. Und genauso wenig ohne die Frage, wieviel mehr an Konsum wir eigentlich brauchen und wollen.
 

Was bedeutet Zero Waste in der Praxis?

  • Müllvermeidung (reduce): Die einfachste Umsetzung von Zero Waste ist die Vermeidung von Abfall. Das passiert natürlich, wenn auf Konsum verzichtet wird – Menschen beispielsweise in kleineren Wohnungen mit weniger Möbeln leben. Auch eine besser Planung von Bedarfen führt dazu, dass kein unnötiger Abfall entsteht, zum Beispiel bei Lebensmitteln. Nicht zwingend notwendige Bestandteile von Produkten können eingespart werden, beispielsweise Verpackungen. Und manche Funktionen von Produkten können auch mit reduzierter Materialmenge realisiert werden.
  • Wiederverwendung (reuse): Ein anderer Ansatz besteht darin, die Lebensdauer von Produkten zu verlängern. Zum Beispiel, indem gebrauchte, aber noch funktionstüchtige Dinge nicht weggeworfen werden, sondern weiter verkauft, zum Beispiel in Second-Hand-Läden oder über EBay. Auch kaputte Gegenstände werden oft weggeworfen – sie können aber auch repariert werden. Eine längere Lebensdauer wird durch Eigenschaften wie Reparaturfreundlichkeit, Waschbarkeit oder Wiederbefüllbarkeit gefördert. Und man kann darauf achten, statt Einwegprodukten wiederverwendbare Produkte zu benutzen, zum Beispiel Mehrwegflaschen oder Stoffwindeln. Auch Leasing-Modelle können zu einer größeren Wiederverwendung führen, beispielsweise beim Carsharing oder auch bei gemeinsamer Nutzung von Gebrauchsgegenständen wie Werkzeug.
  • Umwandlung in Wertstoffe (recycle): Recycling bedeutet, dass Abfallströme so aufbereitet werden, dass wieder vermarktungsfähige Rohstoffe entstehen. Weit verbreitet ist das bei Papier, Glas oder Kunststoffen. Allerdings besteht die Herausforderung des Downcycling. Je nach Materialtyp erreichen die Recyclingrohstoffe oft nicht dieselbe Qualität wie Primärrohstoffe, das bedeutet, dass sie bei weniger Produkten zum Einsatz kommen können. Je besser die Sortierung und die Materialreinheit, desto besser die Qualität der Recyclingrohstoffe. Zero Waste bedeutet, dass Produkte recyclingfreundlich gestaltet werden, beispielsweise durch Verzicht auf Verbundwerkstoffe. Und es sollte möglichst viel Recyclingrohstoff bei der Herstellung von Produkten zum Einsatz kommen. Es braucht aber auch bessere Recyclingtechnologien und eine höhere Wirtschaftlichkeit des Recycling.
  • Kompostierung (rot): Für organische Materialien stellt die Natur einen ausgezeichneten Recyclingprozess bereit. Vor allem aus Küchen- und Gartenabfällen entsteht durch Kompostierung Kompostmaterial, das als hochwertiger Dünger zur Bodenverbesserung eingesetzt werden kann. Kompostiert werden kann für den Hausgebrauch genauso wie mit technischen oder großtechnischen Verfahren.
  • Umgestalten von Produkten und Prozessen, damit Müll gar nicht erst entsteht (re-Design): Produkte und Prozesse kreislauffähig zu gestalten ist oft keine einfache Angelegenheit. Viele Produkte und Prozesse sind auf die Wegwerfgesellschaft zugeschnitten. Nachhaltige und recyclingfähige Materialien haben andere Eigenschaften und brauchen andere Fertigungsprozesse, beispielsweise wenn es darum geht, Holz statt Metall im Maschinenbau einzusetzen oder kompostierbare Textilien zu entwickeln. Auch Käufer:innen von Produkten müssen möglicherweise umdenken, bei den Einkaufsgewohnheiten oder der Produktverwendung. Und für eine Förderung der Wiederverwendung braucht es andere Geschäftsmodelle – beispielsweise die Bereitstellung einer Dienstleistung statt den Verkauf eines Produkts. Für Zero Waste braucht es deshalb innovative Pionier:innen in Wirtschaft und Forschung, die neuartige Wege beschreiten.